fit & munter

Im Winter unterwegs auf dem Jura-Höhenweg und einige spontane Planänderungen

Zwischen Weihnachten und Neujahr 2020/2021 planten wir einen kurzfristigen Fünftage-Kurzwandertrip, eine Winterwanderung, via dem Jura Höhenweg von «Vallorbe nach Nyon» durch das Vallée du Joux. Da im Kanton Waadt (Vaud) die Hotels und Restaurant geöffnet sein sollten und kaum Schnee lag, schien dieses Vorhaben eine gute Idee zu sein. Voraussichtlich waren wenige Leute unterwegs und wir konnten dem mühseligen Corona-Hickhack aus dem Wege gehen. Nun, die angepeilte Route mussten wir dann kurzfristig und mit etwas spontaner Umplanung anpassen, denn die grau-grüne Landschaft verwandelte sich innerhalb von zwei Tagen in eine schneeweisse Pracht, mit teilweise über einem Meter Neuschnee. Da war ohne Schneeschuhe – die wir notabene nicht dabei hatten – kein Durchkommen mehr. Auch mussten wir die Höhenwanderung über die Grade durch teilweise Tiefen-Wanderungen anpassen. Zusätzlich wurden im ganzen Kanton Waadt noch sämtliche Restaurants wieder geschlossen, was ernährungstechnisch ebenfalls eine kleine Challenge wurde.

Doch der Reihe nach:

Tag 1: von Bretonnières nach Vallorbe

Gestartet sind wir bei der Zughaltestelle Bretonnières, scheinbar mitten im Nirgendwo. Das einzig attraktive zu diesem Zeitpunkt war der Blick in die Schweizer Alpen. Nach kurzer Zeit haben wir dann die Orb-Schlucht (Gorges de l’Orbe) erreicht. Der Wanderweg schlängelt sich in Felsen gehauen und zahlreichen Tunnels dem Fluss Orb entlang. Überall hängen Eiszapfen herunter und am Boden sind Sträucher und Blätter mit Eis überzogen. Unterwegs sehen wir nicht weit weg zwei gar nicht scheue Gämsen, die weiterhin gemütlich im Boden scharren.

jura hoehenweg george de l orbe

Kurz vor Vallorbe, bei Le Day, beginnt es dann doch noch leicht zu regnen und wir müssen tatsächlich zum ersten Mal die Regenkleidung bemühen. Der Föhnsturm Hermine kam langsam auf. Beim Eindunkeln erreichten wir dann die Auberge pour tous, welche extra nur für uns geöffnet wurde. Herr Badir, der Besitzer, hielt sein Restaurant geschlossen und wir hatten Glück, dass wir beim «Au P’tit Resto», mitten im Städtchen, zwei Pizzen mitnehmen konnten. Der Abend war gerettet. Mittlerweile hat es angefangen, so richtig schön zu schneien und obendrauf zeigte Hermine das ware Sturmgesicht. Wir waren froh, im Warmen zu sein.

Ca. Angaben: Distanz 14 km, Höhenmeter 310, in Bewegung 3:20 Std.
Wetter: kalt und grau
Highlight: wunderschöne Schlucht und die Gämsen direkt vor der Nase.

Tag 2: von Vallorbe nach L’Abbaye am Lac du Joux

Den Weg über den 1483 Meter hohen «Dent de Vaulion», welcher auf dem Jura-Höhenweg liegt, konnten wir knicken. Es schneite wie verrückt, oben lag sicherlich plötzlich viel Schnee und zudem hätten wir im Nebel eh nix gesehen. Also gingen wir unterhalb des Gipfels durch die Wälder, was ebenso schön war. Mittlerweile hatte der Schnee gute 15-30 cm an Höhe erreicht und kleidete die ganze Umgebung in ein schönes Weiss. Das Wandern im Schnee hatte ähnliche Herausforderungen wie das Wandern im Sand, welches wir in Portugal auf der Rota Vicentina erleben durften und man benötigt deutlich mehr Zeit als vorgesehen. Hermine beruhigte sich langsam, trotzdem peitschte uns der Schnee zwischendurch ins Gesicht.

jura hoehenweg unterwegs zum lac du joux

Bei Abstieg zum Lac du Joux, kurz vor Le Pont, zeigt sich schemenhaft die Sonne. Der See, üblicherweise die grösste Natureisbahn der Schweiz, war nicht zugefroren. Nach weiteren 30 Minuten erreichten wir das Hôtel de la Ville – La Baie du Lac und genossen laaange anhaltend eine heisse Dusche. Im Hotel konnten wir (exklusiv nur für Hotelgäste, denn alle öffentlichen Restaurants mussten geschlossen bleiben), ein wirklich feines Abendessen geniessen.

Ca. Angaben: Distanz 13 km, Höhenmeter 370, in Bewegung 3:30 Std.
Wetter: kalt und teilweise starker Schneefall.
Highlight: ganz alleine in dieser weissen Pracht.

Tag 3: von Le Brassus auf den Col du Marchairuz

Die ganze Nacht hatte es ausgiebig geschneit und uns war klar, einen Aufstieg zum Col du Marchairuz via dem höchsten Berg der Region, dem Mont Tendre, ist auf der ursprünglich geplanten Route nicht möglich. Selbst mit Schneeschuhen wäre die Distanz zu gross gewesen und der Tag wäre unendlich lang geworden. Schliesslich wollten wir uns erholen und keinen Marathon absolvieren. Also, flugs recherchiert und beschlossen, dass wir mit dem Bus bis nach Le Brassus fahren, uns im dortigen Lebensmittelladen mit Verpflegung eindecken und den Aufstieg entweder a) via der wenig attraktiven Passstrasse oder b) einem Wanderweg mit weniger Schnee in Angriff zu nehmen. Einen «Wanderweg mit weniger Schnee» zu finden war natürlich illusorisch. Aber wir hatten Glück, denn direkt bei Le Brassus wurden die Skipisten präpariert, da jedoch die Skilifte geschlossen bleiben mussten, waren diese quasi leer. Also beschlossen wir, via Skipiste auf die Passhöhe zu gelangen. Der teilweise sehr steile Anstieg brachte uns ganz schön ins Schwitzen.

jura hoehenweg col du marchairuz

Sonne und Schneeschauer wechselten sich zeitweise ab. Auf halber Höhe zur Passhöhe querten wir durch Tiefschnee bis zur Passstrasse und gingen der Rest des Weges der Passstrasse entlang. Nicht wirklich schön, dafür jedoch zweckdienlich. Kurz vor der Passhöhe versammelten sich dann auch die zahlreichen Wintersportler, vornehmlich Familien, und es wurde für unsere Bedürfnisse schon fast zu hektisch. Wir waren froh, das Hotel du Marchairuz zu erreichen. Nach einem entspannten Apéro konnten wir mit einem herzhaften Fondue den Abend abschliessen.

Ca. Angaben: Distanz 5,8 km, Höhenmeter 410, in Bewegung 1:50 Std.
Wetter: kalt und teilweise starker Schneefall.
Highlight: Durchquerung durch den Tiefschnee zur Passstrasse.

Tag 4: vom Col du Marchairuz nach Arzier

Auch diese Nacht hatte es ausgiebig geschneit und es war sofort klar, dass wir den Höhenweg bis nach Saint-Cergue ohne Schneeschuhe definitiv nicht begehen können. So mussten wir in den sauren Apfel beissen und eine gute Stunde der Passstrasse entlang Richtung Tal bzw. Saint George wandern. Diesen 30. Dezember nutzen sehr viele Schneefans, um ebenfalls Richtung Col du Marchairuz zu fahren und entsprechend hoch war das Verkehrsaufkommen. Die meisten wollten so schnell wie möglich in den Schnee und dementsprechend rücksichtslos wurde gefahren. Nach über einer Stunde hatten wir dann endlich die Möglichkeit, auf einen präparierten Wanderweg auszuweichen und konnten dann doch noch die Stille und die verschneiten Tannen geniessen. Zusätzlich lugte sogar einmal die Sonne etwas hervor. Einfach herrlich!

jura hoehenweg winterwanderweg bei saint george

Der Weg führte direkt durch den Schneesport-Ort Saint George, welchen wir möglichst rasch wieder verliessen. Ab hier hatte die Schneehöhe deutlich abgenommen und wir konnten endlich wieder abseits der Hauptstrasse über die ausgeschilderten Wanderwege weiter Richtung Arzier gehen. Dort bestiegen wir den Zug und kamen wenige Minuten danach im Skiort Saint-Cergue an. Mit über 20 Kilometer Gehdistanz war dies unser längster Wandertag.

Ca. Angaben: Distanz 20 km, Höhenmeter abwärtes 820, in Bewegung 4:35 Std.
Wetter: kalt, sonnige Abschnitte und Schneegestöber.
Highlight: präparierter Wanderweg nach Saint George.

Tag 5: von Saint-Cergue nach Nyon

Unsere Abschlussstrecke, um dann die Silvester-Nacht in Nyon zu verbringen, nahmen wir nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel de la Poste, unter die Füsse. Auch diese Nacht hatte es heftig geschneit und wir konnten die weisse Pracht nochmals so richtig geniessen.

jura hoehenweg zwischen saint cergue und nyon

Unterwegs konnten wir nochmals eine Gämse sichten. Kurz vor Nyon verwandelte sich die weisse Umgebung in eine kalte und graue, regnerische Matschwelt. Zusätzlich verstauchte sich meine Wanderpartnerin nur knapp 500 Meter vor unserem Ziel den Fuss. Glück im Unglück, passierte dies am Ende unserer Wanderung. Trotzdem, hätte nicht sein müssen. Unsere Unterkunft, das Hostel Nyon, entschädigte ein klein wenig diesen Abschluss mit einer grossen Terrasse, einem sehr geräumigen modernen Zimmer und einer grossen, modernen und blitzblanken Dusche. Da alle Restaurants zu hatten, kochten wir in der hauseigenen Küche unser Silvester-Abendessen.

Ca. Angaben: Distanz 12 km, Höhenmeter abwärts 680, in Bewegung 2:45 Std.
Wetter: kalt, grau und Regen ab Nyon.
Highlight: eine Gämse im Unterholz und wandern ganz alleine auf weiter Flur.

Und sonst so?

Obwohl wir im Winter vermeintlich mehr Gewicht rumschleppen müssten, konnten wir das Gewicht unserer Rücksäcke auf optimale 6,7 Kg einpendeln. Also knapp weniger als bei unseren Weitwanderungen in Portugal oder England. Dies war der Tatsache geschuldet, dass wir den grössten Teil der Ausrüstung anhatten und nicht im Rucksack mitschleppen mussten. Zur Koordination kamen wie immer die Apps von Komoot (Planung und Aufzeichnung) sowie SchweizMobil (unverzichtbare detaillierte Karte aller Schweizer Wanderwege) zum Einsatz. Weitere sehr detaillierte Informationen liefert zum Beispiel auch die Open Source App OsmAnd. Um die Unterkünfte zu buchen, ging ich den bequemen Weg via booking.com, insbesondere da die meisten Webseiten der Hotels, falls überhaupt eine vorhanden, ungeeignet oder veraltet waren.

Wer Schnee und Kälte nicht mag, sollte den Jura-Höhenweg (oder Abschnitte davon) dann doch lieber in der wärmeren Jahreszeit unter die Füsse nehmen.

 

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